Ricarda / Mai 2006

Es gibt immer was zu tun, egal zu welcher Tageszeit…
Ein Bericht von Ricarda Borchert / Mai 2006

Der erste Eindruck von Rumänien, und speziell dem Dorf Dacia, war sehr ernüchternd. Mein Schatz und ich waren darauf eingestellt viel Armut zu sehen und doch sind wir von der Realität hier vor Ort überwältigt. Es ist, als wäre die Zeit hier vor ungefähr 100 Jahren stehen geblieben. Hier im Dorf gibt es einen Trinkwasserbrunnen, den man in ca. 25 Minuten, hin und zurück, erreicht. Im Dorf gibt es auch Strom, sodass wir (Mein Mann Alexander und ich) eben auch Licht haben. Wir haben ein Zimmer auf einem Hof, der einen eigenen Brunnen (für Brauchwasser) hat. Ein Kanalisationssystem gibt es nicht. Ich hätte nicht gedacht, mich so schnell an dieses einfache Leben zu gewöhnen. Hier dauert alles etwas länger, sei es Trinkwasser holen oder Essen zu zubereiten. Als Stadtmensch ist dieses ursprüngliche Leben angenehm. Ich merke, dass viele Dinge zweitrangig sind und hier keine Bedeutung haben. Wichtig ist den Ofen zu heizen damit man nicht friert und warmes Wasser (wozu auch immer) hat. Es ist zum Teil bewundernswert, wie die Menschen hier ihr Leben meistern. Auf unserem (Gemeinschafts-)Hof lebt eine allein erziehende Roma Mutter mit fünf Kindern auf engstem Raum. Es dauert einen ganzen Tag, wenn sie Wäsche wäscht. Sie ist eine sehr herzliche liebe Frau.
Viele hier gebliebenen Siebenbürger Sachsen, und auch viele Rumänen, kämpfen ums nackte Überleben. Medikamente, die wir in Deutschland für ein paar Euro bekommen sind hier immer Mangelware, obwohl sie eigentlich ständig gebraucht werden. Viele hier lebenden Menschen müssen abwägen, ob sie sich Schmerztabletten oder andere wichtige Medikamente kaufen oder etwas zum Essen für den nächsten Tag.
Ein anderer Punkt ist die Hilfe für Menschen mit Behinderungen. Bislang gibt es sie, meines Erachtens nach, im gesamten Bezirk Brasov (und darüber hinaus) nicht. Mein Schatz und ich sind sehr froh und glücklich am Projekt „Gemeinsam lernen – würdevoll miteinander das Leben gestalten“ aktiv mit zu arbeiten. Wir werden, gemeinsam mit Tina, einer sehr engagierten (hier lebenden) Sozialarbeiterin, die Konzeption schreiben und beginnen, in die Dörfer zu gehen, um erste Daten zu sammeln. Das Leitbild und unser Flyer (um das Projekt bekannt zu machen) sind soweit fertig. Wir kommen in unserer Arbeit gut voran und bilden (auch menschlich gesehen) ein wirklich gutes Team. Alle am Projekt beteiligten haben sich viel vorgenommen und hoffen alles auch so umsetzen zu können. Neben dieser Arbeit sind wir einen Tag in der Woche im Steiner Pfarrhaus (der Steiner-Gemeinde der Siebenbürgener Sachsen), einem Begegnungshaus tätig. Diese Woche haben mein Schatz, Frank und ich die Toreinfahrt frei geschaufelt (mit Spaten und Hacke). Das Tor geht nun, nach fast 20 Jahren, zum ersten Mal wieder komplett auf (ca. 30 Schubkarrenladungen voller Erde wurden weg gekarrt). Jeder frei gelegte Stein, des ursprünglichen Steinbodens, brachte uns zum jubeln =o) ! Am Nachmittag haben mein Schatz und ich den Kachelofen ganz behutsam abgetragen, denn die Fliesen (wie viele Sachen hier in Rumänien) können nach geraumer Zeit der Lagerung, sicher eines Tages wieder verwendet werden – oder auch nicht.
Am Mittwoch haben wir in der zukünftigen Küche des Pfarrhauses mit Spachteln Stück für Stück die vier Schichten Farbe mühevoll abgekratzt. Es gibt immer was zu tun, egal zu welcher Tageszeit. Gestern haben wir den Holzschuppen wieder auf Vordermann gebracht. Es hat den ganzen Tag gedauert, aber wir haben es geschafft das gehackte Holz zu stapeln und soweit Ordnung hinein zu bringen. Das Ergebnis erfüllte meinen Schatz und mich mit Freude =o) .
Noch ein wenig zum Dorf selbst. Die Menschen sehen in den vielen Hunden hier (oftmals) reine Wachhunde – also Gebrauchsgegenstände. Dementsprechend werden sie auch behandelt. Ich weiß nicht, ob es überhaupt einen einzigen Hund hier gibt, der noch nicht geschlagen wurde und wird (ich möchte hier aber nicht alle Rumänen in einen Topf werfen). Ich denke, die Hunde, die das Glück haben ein deutsches Herrchen oder Frauchen zu haben, haben hier das große Los gezogen. Auf unserem (Gemeinschafts-)Hof lebt u.a. ein zugelaufener Straßenhund. Wir haben sie Fuchur (nach dem Drachen aus „Die Unendliche Geschichte“) genannt. Es hat eine Woche gebraucht, bis wir ihr Vertauen gewonnen haben. Mittlerweile lässt sie sich problemlos streicheln und ist uns eine treue Begleiterin beim Wasserholen und Einkaufen (es gibt eine Art „Tante Emma“ Laden hier im Dorf). Sie hört sogar auf uns – ist echt eine liebe.
Ich bin wirklich sehr froh, nun endlich mit meinem Schatz hier zu sein und das in meiner Kraft liegende zu tun, was ich kann. Es ist schön, dass es hier etliche engagierte Menschen aus Deutschland gibt, die ernsthaft darum bemüht (sei es in den Kinderheimen, in der Altenbetreuung und in anderen Bereichen der Sozialen Arbeit) sind, alles ihnen Mögliche zu tun, um handfeste Hilfe zu leisten und Verbesserungen zu erzielen, und sei es auch nur für eine Handvoll Menschen.