Ricarda / Juni 2006

… seine Lebensfreude ist noch da
Ein Bericht von Ricarda Borchert / Juni 2006

Die Zeit vergeht zu schnell. Jetzt sind wir schon 6 ½ Wochen hier. Ich lebe gern hier in Dacia! Wenn mein Schatz und ich kein Tagebuch führen würden, dann wurden die ganzen Erlebnisse durchrauschen.
Die Theorie des Projektes für Menschen mit Behinderung ist soweit fertig. Insgesamt steht das Leitbild, ein Teil der Situationsbeschreibung und die kompletten Zielsetzungen (mit Unterzielen und „Unter-Unterzielen“). Das methodische Vorgehen ist theoretisch festgehalten und wartet nun auf seine Umsetzung. Am 30.Juni 2006 geht unser Team endlich in die Dörfer, um die ersten Menschen mit Behinderung zu suchen („es juckt in den Fingern“).
Um die Erlebnisse zeitnah festzuhalten haben wir uns für Gedächtnisprotokolle entschieden. Diese haben wir mit den Erfassungsbögen entwickelt. Der Inhalt der Gedächtnisprotokolle wird dann in die Erfassungsbögen übertragen und bildet die Grundlage unserer Arbeit. Zunächst werden wir in vier (von insgesamt 25) umliegende Dörfer fahren. Wir haben uns zunächst eingeschränkt, da es keinen Sinn macht alle 25 Dörfer und Rupea abzufahren, um sich nur der reinen Erfassung zu widmen. Uns geht es darum erste praktische Erfahrungen zu sammeln und, wenn möglich, erste Soforthilfe (keine finanzielle Hilfe) zu leisten. Einige Zustände kenne ich vom Hören-Sagen. Grundtenor dieser Aussagen ist, dass Die Menschen mit Behinderung nicht nur als „Strafe Gottes“ gesehen werden, sondern, dass viele Menschen denken, es wäre nicht notwendig sich um die Belange der Menschen mit Behinderungen zu kümmern. Vor allem betrifft es die Hygiene der Menschen mit Behinderung (mal ganz davon abgesehen, hier schon an Förderung der vorhandenen Fähigkeiten zu denken). Eine Sozialarbeiterin, die hier in Dacia mit ihrem Sohn lebte, kümmerte sich engagiert u.a. um Menschen mit Behinderung. Sie berichtete von folgendem Erlebnis:
Ein Junge mit Behinderung war nicht fähig zu sitzen und zu laufen. Er lag verkrümt in einer Kiste am Boden. Diese junge Frau hat es zum Teil geschafft, dass er gewaschen war, wenn sie zu Besuch in diese Familie kam. Sie wandte an diesem Jungen Basale Stimulation an. Sie konnte spüren, wie er sich während ihrer Tätigkeit entspannte. Es tat ihm einfach gut. Eines Tages war es soweit. Dieser Junge bekam ein richtiges Pflegebett. Als diese Sozialarbeiterin 1-2 Wochen später wieder in diese Familie kam, lag die Familie in diesem Pflegebett und der Junge wieder in der Kiste. Auf die Frage, was das solle, antwortete man ihr: Warum soll dieser blöde Behinderte in so einem schönen Bett schlafen?
Ein weiteres Beispiel einer anderen engagierten deutschen Sozialarbeiterin: Ein älterer Mann ohne Beine lebt allein auf seinem Hof. Er ist ein lebensfroher Mensch. Sie besucht ihn, wann es ihr möglich ist. Er bewegte sich mit Hilfe seines Rollstuhles in Wohnung und Hof. Er baut Weisskohl an und erntet ihn ohne fremde Hilfe. Eines Tages waren seine Reifen zerstochen. Seit dem kriecht er, um von A nach B zu kommen. An seiner Lebensfreude hat sich nichts geändert. Kurz vor der Ernte seiner Weisskohlköpfe riss man ihm diese einfach aus. Man tat dies nicht aus Hunger, sondern aus Bosheit, denn sie haben die Ernte einfach weggeschmissen, sodass dieser alte Mann nichts davon hatte. An einem anderen Tag hatten seine Nachbarn Nägel in seine Türschwelle eingeschlagen. Die Absicht dahinter: Diese Nachbarn wollten, dass er sich beim Kriechen den Bauch aufschlitzt. Als dieser Mann der Sozialarbeiterin davon berichtete sagte er nur mit einem Lächeln: … stell dir vor, aber zum Glück habe ich mir nur in die Hand gestochen – … seine Lebensfreude ist noch da.
Solche Ereignisse schnüren einem die Kehle zu. Umso wichtiger ist es, dass es hier in Rumänien einige sehr engagierte Menschen aus Deutschland und Rumänien gibt, die bereits seit Jahren hier leben, um den Menschen, die benachteiligt werden zu helfen, soweit sie es können.

Neben der Projektarbeit gibt es nach wie vor die Arbeit im Steiner Pfarrhaus und den Hoftag. Im Pfarrhaus hört die Entrümpelungsarbeit im Moment nicht auf. Dennoch ist sie wichtig, damit bald die ersten Menschen kommen können. Hier ist es üblich, da es kein Recycling gibt, den Müll (ob Plaste oder anderen Müll) einfach zu verbrennen. Deswegen gibt es immer ein Feuer, wenn Pfarrhaus-Tag ist. Verbrennen oder in der Gegend rum liegen lassen? Dazu kann man stehen wie man mag.
Am Dienstag war Hoftag. Vor dem Haus, in dem mein Schatz und ich ein Zimmer haben, fließt parallel über das gesamte Grundstück ein Abflussgraben im Abstand von 3 bis 4 Metern zum Haus. Das Grundwasser ist zur Zeit sehr hoch, sodass die Sonne es nicht schafft den Boden zu trocknen. Das Wasser im Graben floss nicht ab, sodass mein Schatz, Frank und ich beschlossen das alte Rohr komplett auszugraben und den Graben zu erweitern, sodass aus dem Rinnsaal ein richtiger Abflussgraben wird. Die alten Rohre waren nach mühevoller gemeinsamer Arbeit ausgegraben. Es war insgesamt 10 m lang und ca. 15 cm breit und verstopft. Nun ist Platz für die neuen Betonrohre, die beim nächsten Hoftag eingesetzt werden können. Vor unserem Haus fließt unser Abflussgraben in den Gemeinschaftsgraben der Straße. Den Teil des Gemeinschaftsgrabens vor unserem Haus haben wir vom Gras und Schlamm befreit, sodass wir jetzt einen kleinen Bach/Fluss haben. Das Wasser von unserem Grundstück fließt endlich wieder prima ab. Der kleine „Bach“ vor dem Haus gefällt nicht nur uns, sondern auch den Enten. Seit Dienstag Abend tummeln sich zwei Entendamen und ein Erpel genüsslich in ihm.
Den zweiten Holzschuppen haben mein Schatz und ich auch noch entrümpelt. Nun könnte er nebenbei auch als Fahrradabstellraum dienen (soviel Platz ist nun).
In den ersten Tagen hier in Dacia haben wir dem Hund vom Gemeinschaftshof den Namen Fuchur gegeben. Wir stellten fest, dass sie auf ihren Namen „Scharla“ einfach besser hört. Es war eine große Freude zu hören, dass Scharla bleiben darf!!! Sie gehört einfach zum Hof dazu und hat sich zu einem richtigen Schmusehund entwickelt (mit Pfote geben, wenn man sich einfach erlaubt aufzuhören sie zu streicheln =o> ).
Seit gestern (Mi, 14.Juni) haben wir auf unserem Hof einen Hund. Er heißt Scuby und Dank unserem Chef wird er in 2 Tagen nicht vergast. Seine alten Besitzer wollten ihn nicht mehr haben, da er wohl ihr Kind gebissen hat. In rumänischen Tierheimen ist es so, dass die Tiere nach 3 Tagen vergast werden, wenn sie vorher nicht abgeholt werden. Wir dachten es würde ein sonst wie gefährlicher Hund kommen und waren gespannt. Als er gestern Abend her gebracht wurde, waren wir überrascht. Er gab Pfote, schmiegte sich gleich an den, der ihn gerade streichelte und war alles andere als gefährlich. Bellen habe ich ihn noch nicht gehört – aber was nicht ist, kann ja noch werden. Er ist kastriert und ein kleines Dickerchen, aber ein sehr schöner und gepflegter Hund. Wir müssen ihm noch beibringen auf die Grundkommandos zu hören, da er absolut keine Erziehung bekam. Bei jeder Gelegenheit springt er an einem hoch und freut sich. Es ist schön, dass er jetzt hier ist!
Für heute war es das erst einmal wieder … na dann bis zum Monatsbericht Juli 2006!