Ricarda / Juli 2006

Ich möchte diese Zeit hier einfach nicht missen….
Ein Bericht von Ricarda Borchert / Juli 2006

„Wir reiben uns auf in Streitereien und Diskussionen und wissen nicht, daß das wahre Leben aus dem einfachen Handeln entspringt….so viele kommen in das Elend der Gleichgültigkeit, weil sie von Anfang an diese Stärkung durch die Tat nicht hatten.“ (Albert Schweitzer)

Diesen Spruch las ich vor einigen Tagen in dem kleinen Computerzimmer der Sockenstation in Viscri. Unscheinbar und zum Teil mit Kalkfarbe übermalt, hing dieser kleine Zettel an der Wand und strahlte die Kraft dieser Worte aus.
Dieses Zitat sollte meiner Meinung nach der Kern menschlichen Handelns sein und gerade hier in Rumänien.
Es hat eine Zeit gebraucht, zu begreifen, dass die Umstände sind, wie sie sind. Und dass Veränderung nur mit kleinen Schritten möglich ist. Aber eben diese kleinen Schritte sind Bewegung nach vorn und kein Stillstand. Denke ich an Magdeburg und wie ich auf der Couch saß und bei schlechten und bedrückenden Nachrichten einfach ein anderes Programm wählte, verspüre ich jetzt im Nachhinein „das Elend der Gleichgültigkeit“. Jeder kennt sicher diese Aussage: Ich allein kann ja sowieso nichts verändern! Dieser Satz ist zwar ein prima Selbstschutz, keine Verantwortung übernehmen zu müssen, ist aber falsch! Wenn man etwas verändern will, so kann man dies zumindest immer in einem kleinen Rahmen tun. Wir können nicht allen Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Menschen mit Behinderung hier im Gebiet Hilfe und Beratung zu kommen lassen. Dazu ist das Gebiet einfach zu groß und wir zu wenig Leute. Aber wir können einigen helfen! So zum Beispiel Vasile. Er hat sich damit einverstanden erklärt, dass unser Team seine Geschichte erzählen darf. Frank hat ihm aus Deutschland eine Bohrmaschine mitgebracht. Tina, mein Schatz Alexander und ich übergaben ihm diese letzte Woche Freitag. Sein Strahlen erhellte das ganze kleine Zimmer, in dem er lebt. Es war für mich sehr bewegend, ihn dabei zu sehen, wie er sie immer wieder in die Hand nahm und sich aus vollem Herzen freute. Vasile ist, wie bereits im vorhergehenden Monatsbericht beschrieben, querschnittgelähmt und lebt allein in einer Hütte. In seinem Wohnraum hat er ungefähr 2 qm, um sich zu bewegen. Der Rest des Raumes ist zugestellt und zum Teil „vermüllt“. Um Fenster und Türen zu öffnen, benutzt er lange Stöcke, die ihm als verlängerten Arm dienen. Die Wohnverhältnisse sind eng und teilweise unbehaglich (mein Eindruck). Trotz widriger Umstände hat er eine Lebensfreude, von der man sich eine Scheibe abschneiden kann. Mittlerweile bereitet es ihm Schmerzen mit der Hand Löcher in Sensenstiele zu machen. Aus diesem Grund hat er also nun die besagte Bohrmaschine. Demnächst bekommt er auch einen neuen Rollstuhl (die Geschichte zum alten kennen bereits die interessierten Leser). Damit er ihn auch in seiner Hütte benutzen kann, steht bald ein „Aufräumtag“ für uns mit Vasile an. Es ist jedes Mal schön, ihn zu besuchen.
In unserer Konzeption sprechen wir in einem Unter-Unterziel von kleinen Soforthilfen. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass diesem kleinen Punkt ein größerer Platz einzuräumen ist – im Rahmen des Machbaren. Es macht Sinn, einzelnen Menschen direkt und praktisch zu helfen, also erst einmal in einem kleinen Gebiet um qualitative gute Arbeit zu leisten.
Es ist mehr als Schade, nicht die volle Zeit, in der das Projekt laufen wird, dabei zu sein. Es ist bereits Mitte Juli und Ende August ist nicht mehr fern. Ich kann mir auch nur bedingt einreden ‚einfach nicht ans Ende denken und nur nicht darüber reden, dann kommt es auch nicht so schnell‘. Ich möchte diese Zeit hier einfach nicht missen.
Es ist schon fast eine liebe Gewohnheit geworden, hier auf Micha’s Hof abends gemeinsam mit meinem Schatz, Ione und Scuby zu sitzen. Ich verstehe zwar nicht alles, was Ione so erzählt, aber das ist gar nicht so wichtig, weil es einfach schön ist miteinander so manchen Abend ausklingen zu lassen. Scuby macht uns sehr viel Freude und bringt uns oft, durch seine verrückte Art und Weise, zum Lachen. Ione ist ein genialer Handwerker, der für Frank dies und jenes macht. Er hat zum Beispiel ganz allein eine alte Scheune fast komplett abgerissen und dann komplett wieder aufgebaut. Jetzt ist es keine Scheune mehr, sondern eine Cabanuta [t gesprochen z], d.h. ein kleines 2etagiges Holzhaus mit Schlafgelegenheiten. Darin wohnt zur Zeit Anne. Anne ist seit 3.Juli bei uns und bereichert unsere Gemeinschaft. Auch Rica und Cora (Franks Familie) sind seit Anfang Juli nun endlich da. Das gemeinsame Leben ist wirklich sehr schön. Jeder kann sich bei Bedarf zurück ziehen. Ansonsten nehmen wir alle gemeinsam die Mahlzeiten ein und beginnen (aus Gründen eigener Trägheit klappt es leider nicht immer) meist jeden Tag mit einer Morgenandacht. Es „trifft“ mal jeden und das macht es auch so angenehm. Der, der mit der Andacht dran ist, kann sie gestalten wie er möchte. Meistens ist sie direkt am Frühstückstisch. Montags ist nach wie vor unser Pfarrhaus-Tag. Frank hat die Doppelstockbetten vom Tischler aus dem Nachbardorf geholt. Gemeinsam haben wir sie mit einer Art „Schutzöl“ eingestrichen und am nächsten Tag zusammen gebaut. Nun sind zwei ehemalige „Abstellräume“ (der eine mittlerweile durch Handwerker neu gekalkt) zu Schlafräumen umfunktioniert worden. Man kann schon fast die Anwesenheit der kommenden Gäste und Besucher spüren. Küche und Bad sind soweit fertig. Wobei der holzgefeuerte Boiler ein Thema für sich ist, auf das ich nicht näher eingehen werde. Es ist nicht immer einfach sich die Freude bei der Arbeit im Pfarrhaus zu bewähren. Wir machen etwas weg und ein Herr (75 J.) hinterlässt seinen Müll am selben Ort. Dann begründet ein anderer Herr (80 J.) dieses Handeln mit Ehrenamtlichkeit und nimmt erst genannten Herrn in Schutz mit der Aussage: Es ist wie es ist und so ist es gut. ‚Demotivation‘ ist hier ein passendes Wort, um den Gemütszustand von meinem Schatz und mir zu beschreiben. Ein weiteres Wort wäre ‚Respektlosigkeit‘ gegenüber unserer Arbeit. Aber ich möchte mich nicht in Wortspielereien verlieren. Denn „es ist wie es ist …“
Diesen Dienstag ist etwas Gefährliches passiert. Unsere (trächtige) Scharla wurde von hinten von einem kleineren Hund angefallen. Sie wehrte sich indem sie ihn packte und schüttelte. Es dauerte nicht lange und die Besitzer des kleinen Hundes tauchten auf und wollten ihrem Hund helfen. Einer holte schon mit dem Fuß aus und wollte Scharla treten, als sich ihm mein Schatz entgegenstellte und ihm eindringlich klar machte, dass er es gefälligst sein lassen soll. Das wirkte prompt auf diesen Mann und er zog sich komplett zurück. Während dessen schmiss ein anderer Mann mit Steinen nach Scharla. Ich schrie die ganze Zeit immer nur „NU!“(= NEIN!) und versuchte sie zu schützen. Es schien, als legte sich bei Scharla während der ganzen Zeit ein Schalter um, ihr Instinkt brach aus und sie reagierte überhaupt nicht auf niemanden. Irgendwie gelang es uns, ihr Maul zu öffnen und der kleine Hund war frei. Ich hielt ihn auf dem Arm, um Schlimmeres zu verhindern. Mein gutgemeintes Handeln interessierte diesen Hund relativ wenig und er wehrte sich nach allen Kräften gegen mein Festhalten. Irgendwann war die Situation zum Glück vorbei und Scharla stand schwanzwedelnd vor uns. In zwei Wochen wird sie ihre Babys werfen. Es bleibt nur zu hoffen, dass es nicht all zu viele werden. Noch ist deren Zukunft ungewiss.
Ich könnte noch so viel schreiben, bremse mich aber an dieser Stelle und wünsche Euch allen alles Liebe und eine gute Zeit. Bis zum nächsten Mal!