Alexander / September 2006

Insgesamt war die Zeit in Rumänien eine wertvolle Erfahrung….
Ein Abschlussbericht von Alexander Borchert / September 2006

Nun ist es soweit, das Praktikum hier in Rumänien hat ein Ende. Viele Dinge sind passiert, viele Menschen habe ich in der Zeit kennen gelernt. Um mich nicht in einem Wirrwarr an Gedanken und Eindrücken zu verlieren, werde ich auch diesen Abschlußbericht in drei Abschnitte teilen, wie ich es schon in meinen Monatsberichten gehandhabt habe.
Der Hoftag, an dem wir (hier, wie auch bei den anderen Tagen, kann ich nicht immer nur von einer Ich-Perspektive aus schreiben) in der Regel immer körperlich gearbeitet haben, war eine sehr interessante Aufgabe und manchmal auch ein Ventil für meinen aufkommenden Frust über Gegebenheiten in diesem Land.
In Deutschland wohnen wir in einer Drei-Zimmer-Plattenbauwohnung, wo außer dem Wohnungsputz nicht wirklich etwas zu machen ist. Wohnt man auf einem Hof, gibt es vielfältige Aufgaben und immer Arbeit. Mir hat es Spaß gemacht, Arbeiten zu erledigen, die ich bis dato selten oder nie zu bewerkstelligen hatte. Betonröhren für den Abflussgraben zu verlegen oder Zaunpfähle einzuzementieren; daran hatte ich bisher nie gedacht. So konnte ich mich mit neuen Sachen auseinandersetzen und dazulernen. Und ich konnte das Improvisieren verfeinern. Hier in Rumänien geht man nun nicht einfach schnell in einen Baumarkt, bekommt alle Utensilien oder Werkstoffe, die man braucht oder auch Maschinen, sondern hantiert mit den Sachen, die gerade vorhanden sind. Auch das geht und bereicherte mein Wissen und mein Tun.
Für den Abbau von Frustrationen oder um den Kopf einfach frei zu bekommen, konnte ebenso der Hoftag herhalten. Man sollte nicht die befreiende Wirkung unterschätzen, wenn man nach einem schlechten Tag ein Betonfundament mit einem Vorschlaghammer zerschlägt. Natürlich sollte dieses Fundament klein geschlagen werden.
Außerdem tut es dem Kopf manchmal gut, wenn er nicht allzu viel arbeiten muss. Dann bei Mittagshitze Löcher für Pfähle zu graben, lässt sich gut an. Und das Schöne eines solchen Tages war, immer gleich ein Ergebnis seiner Arbeit sehen zu können. Dies motivierte und stärkte Körper und Geist für die anderen Aufgaben vor Ort.
Eines hat mir diese Arbeit in Rumänien auch noch einmal klar vor Augen geführt: mit ein wenig Phantasie kann man aus Wenig Viel machen.
Der Pfarrhaustag in dem nun 100jährigen Steiner Pfarrhaus war alles in Allem betrachtet ebenfalls eine Bereicherung. Auch hier stand die körperliche Arbeit im Vordergrund – auf ein ganz spezielles Ziel hin. Das Haus sollte nach einem 16jährigen Leerstehen wieder für Gäste ein Zuhause auf Zeit bieten. Dafür waren zunächst eine Menge Entrümplungs- und Renovierungsarbeiten notwendig. Sechzehn Jahre gehen auch an einem schon lange stehenden Haus nicht spurlos vorüber. Doch das Wissen darum, dass schon Mitte Juli die ersten Gäste kommen würden, motivierten meinen Schatz Ricarda, Frank und mich immer aufs Neue, die bevorstehenden Aufgaben und Arbeiten zu verrichten. Zu Anfang schien es kein Ende nehmen zu wollen; doch Woche für Woche nahm das Pfarrhaus, das nun zu einem Bildungs- und Begegnungszentrum werden sollte, mehr und mehr Form an.
Gerade hier musste ich lernen, Geduld zu haben und die Eigenheiten der Menschen vor Ort zu respektieren. Es war nicht immer leicht, und ich kann nicht mit absoluter Bestimmtheit sagen, dass es mir immer gelungen ist. Viel von dem Frust und dem Unverständnis kam wohl auch deswegen auf, weil mir/uns die Zeit ein wenig davon lief. Vier Monate scheinen erst einmal viel Zeit zu sein, hat man dann aber mehr als nur das eine Projekt, wird die Zeit schon knapper. Ich wollte so viel wie möglich schaffen, und es wurde ja auch eine ganze Menge; gleichwohl kam immer wieder das Gefühl auf und ist auch noch ein wenig da, dass ich mehr hätte erreichen können. Dennoch ist schon viel passiert; Freunde von uns haben übernachtet, der Geschwisterkreis fand statt und gerade ist nun schon die zweite Gruppe für insgesamt zwei Wochen im Pfarrhaus. Und: es haben zwei Gäste schon dort übernachtet, die gar nicht eingeplant waren. Sie fanden von alleine den Weg nach Dacia und in das wieder belebte Haus.
Einen Spruch, den ich von einem hier lebenden Siebenbürgener Sachsen immer mal wieder gehört habe, begleitete die Arbeit und die Umstände (und/oder Zustände) am Pfarrhaustag: „Es ist, wie es ist und es ist gut so.“
Dieser Ausspruch war nicht selten ein Reibungspunkt, manchmal aber auch ein Wort, dass mich dann die Dinge gelassener sehen ließ. Nichts desto trotz muss ich an meiner Ungeduld, gerade wenn die Sachen einmal nicht so schnell und gut funktionieren, wie ich es mir vorgestellt habe, arbeiten. Das ist wohl das Fazit, das ich für die Arbeit am und im Pfarrhaus ziehen will. Und einen kleinen persönlichen Ausblick möchte ich an dieser Stelle noch anmerken. Die Vision und die Hoffnung für dieses Haus, die vor allem auf Franks Ideen basieren, finde ich sehr schön. Ich wünsche mir, dass auch weiterhin Gottes reicher Segen und die Tatkraft vieler engagierter Menschen dieses Pfarrhaus hier in Dacia begleiten mögen. Es ist mir ans Herz gewachsen und ich denke gerne an unsere Arbeit (am Anfang zu dritt) zurück.

Der Rest der Zeit (natürlich hatten wir auch private Zeit) konnte ich mich in das Projekt „Gemeinsam lernen – würdevoll miteinander das Leben gestalten“ einbringen. Es war eine tolle Erfahrung und eine wunderbare Arbeit in einem großartigen Team. Mit Tina Bing haben mein Schatz und ich das Projekt in der direkten Arbeit mit Menschen mit Behinderung aufgebaut. Zunächst stand die theoretische Arbeit (hier das Pädagogische Konzept und die inhaltliche wie strukturelle Planung) im Vordergrund. Wir wollten von Anfang an nicht auf Sand bauen, so dass eine klare Vorstellung für die Ziele und den Weg gefunden und verschriftlicht wurden. Dafür konnten wir uns Zeit nehmen. Hinzu kam, dass gerade Frank, Ramona und Frau Hampel-Binder hier in Rumänien sowie Gabi May in Deutschland, uns den Rücken völlig frei hielten. Sie übernahmen die oft undankbaren Aufgaben hinter den Kulissen. Sei es die Buchhaltung zu führen, „Aktion Mensch“ auf dem Laufenden zu halten oder einen vierzehntägigen Anmeldemarathon für das Projektauto durchzustehen. Ohne sie wäre unsere Arbeit in dem Maße niemals möglich gewesen. Auf diesem Wege möchte ich mich bei Euch bedanken, dass Ihr – neben euren Berufen – dies alles in ehrenamtlicher Arbeit bewerkstelligt.
Schon am 23.06.2006 konnten wir mit den ersten Klientenbesuchen beginnen. Es war und ist eine Erfahrung, die mich mein Leben lang begleiten wird. Es war für mich als angehender Rehabilitationspädagoge eine wertvolle, berührende Arbeit. Ich konnte hier Menschen kennen lernen, die meinen Horizont um ein vieles erweitert haben, und ich musste feststellen, wie schwierig es sein kann, Menschen helfen und unterstützen zu wollen.
Einmal mehr ist mir bewusst geworden, welche Unterschiede es zwischen den verschiedenen europäischen Ländern gibt; und wie wenig die Menschen manchmal über ihre unmittelbaren Nachbarn wissen. Ich bin froh, dass mein Schatz und ich uns gerade in ein Projekt für Menschen mit Behinderung in Rumänien einbringen durften.
Das aber nicht mit der uns eigenen deutschen Sicht, sondern mit dem Verständnis für die kulturellen Unterschiedlichkeiten und den damit einhergehenden anderen Sichtweisen auf die Umstände in diesem Land. Zu Anfang war dies nicht leicht, aber mehr und mehr in dem Prozess des Für- und Miteinander – während unserer Arbeit – konnten wir vieles besser verstehen. Nicht von oben, sondern nur gemeinsam können notwendige Veränderungen passieren.
Das Projekt ist auf einem guten Weg, begleitet von motivierten und engagierten Menschen auf rumänischer und deutscher Seite, und ich hoffe, dass es eine lange und sichere Zukunft hat.
Insgesamt muss ich sagen, dass mir die Arbeit in einem Team sehr viel Freude bereitet hat. Verschiedene Meinungen konnten in einem freien Austausch diskutiert werden, bis wir den für Alle akzeptablen Weg gefunden haben. Tina, danke, dass ich mich an deinem Wissen und deiner Art „bereichern“ durfte. Danke Schatz, dass du mit deiner Ruhe und Gelassenheit immer wieder den Weg aus einer vermeintlichen Sackgasse geebnet hast.
Für mich hat diese Arbeit noch einmal deutlich gemacht, dass nicht alles theoretische praktisch machbar ist und der Weg zu einem Ziel, oft nur in kleinen Schritten zu bewältigen ist. Doch schon diese kleinen Schritte sind Veränderung.
Allen Anderen an diesem Projekt für Menschen mit Behinderung möchte ich den Dank aussprechen, dass ihr/sie mir die Möglichkeit gegeben haben, dieses Projekt aufbauen zu dürfen.

Rumänien – was soll ich zu dir sagen? Du bist ein wunderschönes Land, an dessen Natur ich mich immer wieder aufs Neue berauschen könnte. Die Menschen sind freundlich und aufgeschlossen, auch wenn sie ihre Eigenarten haben. Diese zu bewerten steht mit nicht zu. Einzelne Verhaltensweisen und Arten, etwas zu machen, haben mir nicht gefallen. Doch das würde in Deutschland oder irgendeinem anderen Land sicher auch so sein. Wichtig ist einfach nur, dass ich mich damit auseinandersetze und schaue, wie kann ich es verändern oder hinnehmen, ohne den Menschen meine Ansicht und meinen Willen aufzwingen zu wollen. Wir sind nun mal unterschiedlich, aber dennoch können wir in dieser Unterschiedlichkeit gut miteinander leben. Sich darauf einlassen, nur das ist notwendig, alles andere wird sich mit der Zeit ergeben.
In der kurzen Zeit, die ich nun hier verlebt habe, ist mir Rumänien ans Herz gewachsen. Mit dem Segen und Willen Gottes wird uns beide hoffendlich der Weg hier zurück in dieses Land führen.
Insgesamt war die Zeit in Rumänien eine wertvolle Erfahrung. Sie hat mir meine Defizite und meine Stärken gezeigt. Diese auszubauen, mich aber vor allem um meine Defizite zu kümmern, ist eine Aufgabe, der ich mich nun stellen muss und will. Die mir innewohnenden Eigenarten und damit die Art, wie ich mit Situationen und Menschen umgehe, sind mir vor Augen geführt worden. Es war nicht immer einfach, mir einzugestehen, dass es die falsche Art war zu reagieren. Und ich merke, dass ich in einigen Dingen immer noch in einem Umdenkprozess stecke, der aber noch nicht die Früchte der Veränderung trägt. Es fällt mir nicht immer leicht, dem Wissen darum auch gleich Taten folgen lassen zu können. Aber diese Eingefahrenheit überwinden zu können, nehme ich mir fest vor.

Und so möchte ich nun diesen Bericht mit einem Zitat aus der Heiligen Schrift beenden.

„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt. 18, 20)

La revedere!