Alexander / Juli 2006

Dann sage ich mir immer wieder, auch kleine Schritte führen an das Ziel…
Ein Bericht von Alexander Borchert / Juli 2006

Oh Mann, Oh Mann – das sind eigentlich nicht die richtigen Worte für den Anfang eines Berichtes, aber sie drücken genau das aus, was ist. Nämlich schon der dritte und damit vorletzte Monatsbericht. Mehr als die Hälfte meiner Zeit in Rumänien ist nun schon vorbei. Jetzt, da ich den Bericht schreibe, sind es noch 48 Tage bis zu unserer Abreise. Ein lachendes und weinendes Auge sind – wie immer bei solchen Dingen – dabei. Die Vorfreude auf Familie und Freunde wiederzusehen, unsere Magisterarbeit anzufangen und trotzdem für das Projekt für Menschen mit Behinderung auch in Deutschland weiterzuarbeiten – dies halt in Form von Öffentlichkeitsarbeit – steht auf der einen Seite. Andererseits haben wir uns sehr gut in Dacia eingelebt, wissen, dass noch viel zu tun ist und auch noch in Zukunft sein wird, würden also am liebsten noch bleiben. Aber alles hat seine Zeit und so werden wir den Weg nach Rumänien vielleicht zurückfinden.
Aber nun genug der schweren Abschiedsgedanken, denn ich bin ja noch einige Zeit hier. Zurück also zu der Arbeit vor Ort.
Die Hoftage erweisen sich bei der großen Hitze, die in den letzten Wochen hie geherrscht hat, als stark kräftezehrend. Körperliche Anstrengung mit brennender, rumänischer Sonne sind nicht jedem zu empfehlen. Aber dennoch halte ich durch, denn das Ergebnis am Ende des Arbeitstages ist dann wieder ungemein schön anzusehen. Doch so viel ich auch mache, es scheint mit der Arbeit kein Ende nehmen zu wollen.
Ähnlich ergeht es mit auch mit dem Steiner Pfarrhaus. Wir haben zwar schon viel getan, aber es liegt immer noch vieles vor uns. In ein paar Tagen kommen schon die ersten Gäste. Uli, mein ältester Freund, mittlerweile Pfarrer in Hessen, hat sich angemeldet. Dann im August kommen eine Gemeindegruppe und eine deutsch-rumänische Jugendgruppe, die im Pfarrhaus arbeiten und urlauben wollen.
Zwischendurch ist noch das Steiner Heimattreffen in Dacia. Leider werde ich dort nicht sein können, da ich ausgerechnet in der Zeit mit Frank nach Constanta fahren muss. Schade auch!!
Ich freue mich sehr darüber, dass nun in dem alten Pfarrhaus sehr viel Leben einkehren wird. Es ist schön zu sehen, wie all die Arbeit Früchte trägt. Ich glaube nämlich, dass nur Menschen letzten Endes ein Gebäude am Leben erhalten können und ihm Sinn verleiht. Deswegen haben sich auch dann die viele Zeit und manche Nerven, die man dort investiert hat, gelohnt. Aus der Idee eines Bildungs- und Begegnungshauses ist eine lebende Wirklichkeit geworden.
Zu unserem dritten und eigentlichem Projekt gibt es auch wieder einiges zu berichten. So unvermittelt hart mich die Lebensverhältnisse der Menschen mit Behinderung bei unserem ersten Besuch getroffen haben, so schön ist es zu sehen, wie unsere ersten Soforthilfen greifen und sich schon etwas verändert.
Dennoch sehe ich es mit ein wenig Bestürzung, wie wenigen Familien wir helfen können. Wir haben noch nicht wirklich mit einer vollständigen Erfassung unseres Gebietes begonnen und haben schon aus drei Orten Informationen zu 34 Familien. Es sind erst drei von ca. 25 Orten, die in unserem Arbeitsgebiet liegen.
Dann sage ich mir immer wieder, auch kleine Schritte führen an das Ziel. Und lieber erst wenigen Familien gute Hilfe leisten, als sich an der Menge der Ortschaften und Menschen aufzureiben. Hier muss dann auch die professionelle Distanz, die wir als angehende Reha-Pädagogen brauchen, greifen. Das ist leider oft leichter gesagt, als getan.
Dann bemächtigt sich abends manchmal meiner eine tiefe Traurigkeit, dass ich Menschen mit einer Behinderung, die gerade hier in Rumänien besondere und verstärkte Hilfe benötigen, nicht wirklich helfen kann. Ich hoffe trotzdem, dass wir sie alle erfassen können, um einmal zu wissen, von wie vielen Menschen wir überhaupt sprechen. Dies vor allem deswegen, um Hilfe, die von außen angeboten werden könnte, sinnvoll zu koordinieren. Ich persönlich möchte einfach nicht, all die Familien vergessen, die wir selbst aus mangelnder Zeit nicht besuchen und betreuen können. Aber damit soll mein Bericht über das Projekt nicht enden. Ich möchte noch etwas über Vasile erzählen.
Er ist ein Mann, der seit seinem 29. Lebensjahr querschnittgelähmt ist. Er bekommt nur eine kleine staatliche Unterstützung. Bisher hat er unter anderem Sensenstile aus Holz gemacht, die er an Leute aus seinem Dorf verkaufen konnte. Durch das Bildungs- und Begegnungshaus besteht nun noch die Möglichkeit, andere Dinge für ihn zu verkaufen. Bei einem unserer ersten Besuche haben wir ihn gefragt, ob er nicht auch kleinere Dinge schnitzen könne. Die Idee war es, Holzkreuze( mit Standfuß und andere zum an die Wand hängen) von ihm gestalten zu lassen. Er war sofort Feuer und Flamme und hat sich voller Eifer an die Arbeit gemacht. Wenn ihr das Strahlen in seinem Gesicht hättet sehen können; der Gedanke endlich einmal etwas anderes zu machen und dann eventuell noch ein wenig mehr Geld zum Leben zu haben, alles das konnte man in seinem Gesicht ablesen.
Also möchte ich das auch gleich noch als einen kleinen Aufruf verstanden wissen: Falls ihr an einem Kreuz Interesse habt oder andere Menschen kennt, die es haben, dann schreibt es uns. Wir würden die gewünschten Kreuze mitbringen (so viele ihr wollt); sie sollen je nach Größe zwischen 2,50€ und 4€ kosten. Nur keine Scheu ?!!
Damit möchte ich jetzt diesen Teil meines Berichtes schließen, der Monatsbericht selber ist noch nicht zu Ende. Ja, wirklich!!
Unser Domnule Chefule hat sich gewünscht, dass ich auch ein paar Worte über unsere morgendlichen Andachten verliere. Und er hat Recht damit. Also:
Jeden Morgen (ehrlicher fast jeden Morgen) nehmen wir uns vor dem Frühstück Zeit für eine kurze Andacht. Dafür haben wir von Rica ein Buch „365 Termine mit Gott“ nach Rumänien mit bekommen. Dort ist für jeden tag ein Bibelvers angegeben, der auch noch ausgelegt wird. Abwechselnd macht einer von uns diese Andacht. Es ist einfach sehr schön mit den Worten Gottes, den Tag zu beginnen. Oft habe ich für mich festgestellt; wie sehr diese Worte gerade für meine Situation gepasst haben. Sie haben mich getröstet, beruhigt, bestätigt, nachdenklich gemacht oder auch Kraft gegeben, manche Dinge weiter zu machen. Ich möchte sie einfach nicht mehr missen. Genau wie mein Schatz und ich abends, wenn wir schon im Bett liegen, noch mit einander singen. „Der Mond ist aufgegangen“ und „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ gehören mittlerweile zu unseren Lieblingsliedern. Auch das Singen mit ihr möchte ich nicht mehr lassen. Noch ein letztes bevor ich meinen Monatsbericht beende. Am 3. Juli nun ist Anne, eine weitere Praktikantin, hier in Dacia eingetroffen. Sie wird zunächst unter anderen für das Pfarrhaus eingesetzt. Wir verstehen uns gut mit ihr, und sie ist eine Bereicherung für unsere Gemeinschaft. Das selbe gilt für Rica und Cora, die nun endlich auch hier in Rumänien angekommen sind. Also auch auf diesem Wege ein Herzliches Willkommen!
So ihr Lieben in Nah und Fern und auch alle interessierten Leser meines Monatsberichtes: Ich wünsche Euch alles Liebe und Gute, gehabt Euch wohl und bis bald mit den Worten Dietrich Bonhoeffers „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

La revedere!