Juli 2006

Short Cuts oder Schnappschuesse oder Blitzlichter oder Daumenkino III
Ein Bericht von Jens Steinberger / Juli 2006

Da ich mich fuer eine kleine Weile in Oesterreich aufhielt, danach in das Programm einer englisch-rumaenischen Gruppe eingebunden war, ich berichte das naechste Mal darueber, und derzeit im Heim keinen Zugang zu einem Computer habe, versuche ich mich kurz zu fassen und gebe lediglich einige Restbestaende meiner Aufzeichnungen wieder.

God save the Queen

Als ich in Oesterreich war, um mein Visum zu erneuern, las ich in einer oesterreichischen Tageszeitung die Aussage des 85-jaehrigen Briten-Prinzen Philip, dem Ehemann der Queen, die er bei einem Empfang in Edinburgh gegenueber einem Sozialarbeiter aeusserte, der von einem Rumaenieneinsatz zurueckgekehrt war:

„Sie waren doch nicht dort, um in einem Waisenhaus zu helfen? Da gibt es soviele, dass man glaubt, die gebaeren nur, um die Kinder in Waisenhaeuser zu geben!“

Nachdem ich mich anfaenglich ein wenig ueber des Prinzen Aeusserung aergerte, so faellt ihm heute eher mein Mitgefuehl zu, und ich bin froh, dass die Konstruktion der Wirklichkeit des Prinzen nicht meine Realitaet spiegelt. Und selbst wenn der Prinz mit seiner Aussage recht behielte, so befreite dies nicht davon Menschen zu helfen, die der Hilfe beduerfen.
Maulwurfshuegel aus Heu

Es bedurfte einiger Zeit, um zu begreifen, warum die Wiesen der Heimanlage so spaet gemaeht wurden, sagte mir doch eine Kollegin, dass das Gruen kurz gehalten werde, damit die Kinder im Grase kriechende Schlangen fruehzeitig sehen. Jetzt ist mir klar, warum die Graeser so hoch empor wuchsen, weil die Wiesen des Heimes keine Rasenflaechen sind, sondern landwirtschaftlich genutzt werden. Das Heu wird geerntet, getrocknet und gelagert, um Tieren als Nahrung und Futter zu dienen.

Besonders gut gefallen mir die halbkugelig aufgetuermten sonnengebleichten grasigen Huegelkuppen, die sich wohlig rundlich woelbend ueber den Erdengrund erheben. Ich fuehle mich an Pagodendaecher und Stupas erinnert, denke an Maulwuerfe und deren architektonischen und landschaftsgestaltenden Vorlieben, aber auch an die Installationen von Kunstschaffenden, die sich nicht kuenstlich aufdraengen, sondern natuerlich ins Bilde fuegen, um die Harmonie der Stille klanghaft zu betonen. Wenn die Stille klanghaft wird, wird das Herz sehend, und wenn das Herz sehend ist, wird offenbar, was all zu oft verborgen schlummert, jedoch als Erfahrungsdimension erlebbar ist und offen liegt.
Caramella alla frutta

Ein italienisches Zahnaerzteteam erreichte das Heim, nahm die Zaehne der Kinder in Augenschein, stellten ihre Diagnose und legten den Behandlungsbedarf und die Dringlichkeit der Behandlung, die sie in ihren Unterlagen farblich hervorhoben, fest: Rot steht fuer dringenden Behandlungsbedarf. Gruen hat ein wenig Weile. Weiss bleibt behandlungsfrei.

Leider waren nicht alle Kinder im Heim, da sie die Ferienzeit bei ihren Familien verbringen. Andere Kinder waren einfach nicht dazu zu bewegen ihren Mund zu oeffnen, da halfen auch nicht kreative Tricks. Es ist bedauerlich, dass nicht alle Kinder untersucht wurden, weil man sich vor Augen fuehren muss, dass nicht unbedingt jedes Kind bei Zahnschmerzen die Gelegenheit erhaelt den Zahnarzt zu besuchen, dabei tragen einige Kinder Zahnruinen oder Zahnluecken im Munde.

Mir gefaellt das Engagement des Aerzteteams und auch der Umstand der geplanten Wiederkehr mit einer mobilen Zahnarztpraxis. Doch eines vermochte ich nicht zu verstehen, verstehe es noch heute nicht, naemlich, dass die Kinder nach der Mundschau einen zuckerhaltigen Lutscher erhielten. „Caramella alla frutta“ las ich auf der Verpackung und auf der Zutatenliste entdeckte ich, neben einer munteren Kollektion von Aroma- und Lebensmittelfarbstoffen, das Weortchen „Zucchero, also Zucker.

Trefflich gewaehlt empfand ich jedoch des Lutschers Farbe, rot, entsprach sie doch der Farbgebung, die fuer dringenden (Be-) Handlungsbedarf steht.
Die missionarische Mogelpackung

Ein Gitarrist fand in Begleitung dreier Gehilfen, die die Liedertexte, die gesungen wurden, in die Hoehe hielten, ihren Weg ins Heim. Anfaenglich gefiel mir das dargebotene Programm, hatten die Kinder doch ihre Freunde am Singen und schienen ihnen Text und Melodie der Lieder auch bekannt. Doch nur zu schnell stellte sich bei mir ein unbehagliches Gefuehl ein, just dann, als das Unterhaltungsprogramm sich zum Religionsunterricht wandelte, weniger gesungen, dafuer mehr gesprochen wurde.

Ich habe nichts gegen die Vermittlung christlicher Werte, doch haette es mir viel besser gefallen, so man einfach nur aus Naechstenliebe heraus den Kindern eine froehliche Weile und Freude geschenkt haette, zumal viele der Kinder gar nicht ueber die Konzentrationsfaehigkeit und geistigen Voraussetzungen verfuegen, sie sind hoffnungslos ueberfordert, zu verstehen, geschweige denn kritisch zu hinterfragen, was ihnen inhaltlich verabreicht wird.

Nach einer halben Stunde endete die Inszenierung mit der Verteilung von Schokolade und einer Broschuere, die auch aufgrund ihrer Beilage, den Spielplan zur WM, gepriesen wurde.

Die Schokolade lehnte ich ab, meinen Glauben muss man mir weder schmackhaft machen, noch versuessen, doch nahm ich die Broschuere gerne entgegen, interessierte mich doch ihr Inhalt, im Gegensatz zu den Kindern, die sich fuer die Schokolade begeisterten, nicht aber fuer die Broschuere.

Den Inhalt der Broschuere vermag ich nicht bewerten, weil meine Sprachkenntnisse bei weitem dafuer nicht aussreichen, doch wurde mir ersichtlich, dass Teile der Bibel in Bild und Wort dargestellt und das Wirken Jesu beschrieben wurde. Es gab einige Bibelverse und, so wie mir schien, Verhaltensregeln fuer den Glauben und das alltaegliche Leben.

So weit so gut, auch wenn ich nicht alles gut heisse, was in der Bibel geschrieben steht, insbesondere die staendig wiederkehrenden Passagen, in denen von einem strafenden Gott die Rede ist. Das hat nichts mit meinem Glaubensverstaendnis zu tun. Fuer mich ist Gott Liebe und Licht und sonst nichts; alles andere weise ich von mir.

Was mich jedoch ausgeschrieben stoerte, war das Titelblatt der Broschuere auf dem sich Torwarthaende nach einem grossen Fussball streckten. Zu lesen, waren die Worte: Cupa Mondiale 2006. Das Titelbild richtete die Aufmerksamkeit auf die Fussballweltmeisterschaft und auf den beiliegenden Spielplan, jedoch nicht auf den Inhalt der Broschuere.

Ich findes es in die Irre fuehrend, nahezu manipulativ, das unterstellte Interesse der Kinder fuer die Fussballweltmeisterschaft dazu nutzbar machen zu wollen, um andere Inhalte zu transportieren. Das gefaellt mir nicht und ich bin froh, dass sich die Kinder ueberhaupt nicht fuer die Fussballweltmeisterschaft interessierten.
Die Ledernatter

Soviel von Schlangen gehoert, soviel ueber Schlangen geschrieben, bin ich nunmehr froh endlich einmal eine zu Gesichte bekommen zu haben. Ich sass auf den Stufen des Schutzhauses der Maedchen, als ein Kollegin zu mir kam, mich mit sich nahm, um die Ecke fuehrte und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die dritte Treppenstufe deutete. Da lag sich nun, in sich zusammen gerollt, ihre Ruhe und ihr Leben geniessend, behaglich in der Sonne – eben eine Schlange.

Was die Kollegin von mir erwartete, war mir nicht klar, doch schien sie ueberrascht, vielleicht war sie auch wenig irritiert, als ich, nachdem ich die Schlange in Augenschein nahm, zu ihr sagte: „Frumos!“ In der Tat, ich fand die Schlange schoen.

Sie war etwa 60 cm lang, in ein hauteng anliegendes oliv-braeunliches Lederkostuem gehuellt, dessen Farbe um die Bauchpartie herum, die Figur betonend, einige Nuancen heller schuppig schimmerte. Um sich eine besondere Note zu verleihen, schmueckte sie sich rechts und links ihres Kopfes mit auffallenden und eleganten orangfarbenen Lederbesaetzen. Dem Schneider der Schlange ein hohes Lob.

Als sie mich sah, zischte sie mir, so ganz nach schlangenart, mit ihrer schwarzen Zunge ein freundliches „Buna ziua“, Guten Tag, entgegen.

Froh war ich, keine Kinder in der Naehe zu wissen, nicht weil ich mich um das Wohl der Kinder sorgte, sondern um das Leben der Schlange bangte. Ich war nicht ueberrascht als die Kollegin zu erzaehlen begann, dass sie einmal einen Jungen beobachtete, der eine Schlange in den Haenden haltend dieser in den Leib biss. Und ich habe selbst gesehen, wie die Kinder mit den jungen Hundewelpen umgehen, wenn sie mit ihnen spielen. Auch wenn sie diese umsorgen, auf den Arm nehmen, streicheln und fuettern, so betrachten eben doch auch viele Kinder die kleinen Hunde in erster Linie als Spielzeug und nicht als empfindendes Lebewesen. Und ich weiss nur zu gut, wie schnell hier Spielzeug in die Brueche geht.

Erschrocken beaeugte ich die Kollegin als sie fortging und mit einer langen hoelzernen Latte wieder erschien, und ich dachte bei mit:

„Ach du armes Schlangengetier, jetzt geht’s dir an den ledernen Kragen.“

Doch war die Schlange im Glueck, warf die Kollegin sie doch lediglich ins Gras zurueck.

„Gerettet!“,

dachte ich, als die Schlange munter vor sich hin schlaengelnd einen Zwischensprint einlegte, um das Weite zu suchen, das sie nicht fand, weil einer der Hunde des Heimes, die Kraeftige, verwegen aussehende Hundedame, die mit den verschiedenfarbigen Augen, eines braun, eines blau, vom Jagdtrieb erfasst die Verfolgung aufnahm, die Schlange stellte, packte und biss, ihr mit energischen Kopfbewegungen das Leben nahm, um sich anschliessend auf dem Lederleib des toten Getieres zu waelzen.
So, das moege auf die Schnelle genuegen. Ende.
Jens Steinberger am 28. Juli des Jahres 2006. Rumaenien. Bradet.