Tobias

Alles in allem war dieses Jahr eine tolle Erfahrung
Abschlussbericht von Tobias/ August 2003

Hüha, wie die Ungarn sagen würden, nun ist schon ein ganzes Jahr wieder vorbei.Das ein Jahr in Rumänien so schnell vergeht hätte ich vor diesem Dienst bestimmt nicht vermutet. Obwohl ich so viele Vermutungen gar nicht erst angestellt hatte, was wusste ich denn vor diesem Jahr über Rumänien, oder allgemein über den Osten? Unterm Strich gesehen, jedenfalls nicht viel.

Mittlerweile meine ich Ungarn und mein Einsatzland Rumänien, oder sagen wir lieber Siebenbürgen, denn ich war ja unter Ungarn und so ging mein Denken nie wirklich über die Karpathen hinaus, recht gut zu kennen. Jedoch muss ich zugeben, dass sich meine Sicht schon vorallem auf die Sichtweise der Siebenbürger Sachsen und der Siebenbürger Ungarn und weniger auf die der Rumänen stützt. Irgendwie machte das aber für mich gerade den Reiz meines Dienstes aus, ein Land aus den Augen der früheren Mehrheit und heutigen Minderheit kennen zulernen und eine Sprache zu lernen, die schon längst nicht mehr die offizielle Landessprache ist.

Doch selbst das es in Siebenbürgen Ungarn gibt wusste ich vor meinem Dienstantritt nicht wirklich und habe es erst in den Einführungstagen in Budapest vollends verstanden.

Die Stadt in der meine Stelle ist, liegt in einem Gebiet was heute kaum noch von Ungarn bewohnt wird. Und in diesen Gebieten in denen die Ungarn sehr verstreut leben und sich nur noch in den Dörfern gehalten haben gibt es fast keine ungarischen Schulen mehr.

In diesem Bereich liegt ein Interesse meiner Stelle: Kindern, die eine ungarische Schule besuchen wollen die Möglichkeit dazu zugeben.

Die Stadt selbst ist eine ehemals deutsche Stadt, in der noch bis in die „jüngste” Vergangenheit vorallem Ungarn und Deutsche nebeneinander lebten. Heute sind hier fast keine Deutschen mehr und auch nur noch sehr wenige Ungarn, dafür gibt es jedoch wahnsinnig viele Zigeuner, die sich rund um die Stadt angesiedelt haben. Sie leben vor allem aus den herunter gekommenen Betonblock-Vierteln, wo sie unter erbärmlichen Zuständen hausen. Das zweite Interesse meiner Stelle liegt bei den armen Kindern dieser Stadt: ihnen ein warmes und liebevolles zu Hause, eine vernünftige, christliche Erziehung und Essen zu geben, sowie ihnen eine schulische Ausbildung zu ermöglichen.

Meine Stelle ist demzufolge ein Kinderheim, jedoch nicht nur für Waisen sondern für Kindern aus sozial schwachen Familien, in denen es oft irgendwelche ungarischen Familienmitglieder gibt. Das Kinderheim selbst befindet sich in einem ehemaligen ungarischen Franziskanerkloster und untersteht auch der Leitung eines Franziskaners.

Zum Kloster gehören 3 ungarische Schulklassen und 1 Kindergarten.

Der Kindergarten war mein Hauptaufgabenfeld, plus nebenbei mehrmals wöchentlich Deutschunterricht für die schon älteren Kinder (2.; 3. Klasse).

Da mein Unterricht jedoch nichts mit der Schule zu tun hatte, somit nicht wirklich Pflicht war und die Kinder ausserdem noch ihre Hausaufgabenzeit dafür opfern mussten, zeigte sich bald wer den harten Kern ausmacht. Mit dieser Hand voll Kindern hab ich mich dann zweimal in der Woche zu einer spielenden, spaßigen Deutschstunde getroffen.

Probeversuche wie Englischunterricht, Zeichenunterricht, oder Deutsch für die Mitarbeiter haben sich jedoch nicht lange halten können.

Ganz anders war das mit dem Kindergarten, über das Jahr entwickelte sich diese Arbeit ständige weiter. Als ich im September ankam gab es bloß eine Gruppe und zwei Kindergärtnerinnen (Vor- und Nachmittag) in einem viel zu kleinen Zimmer. Mittlerweile ist der Kindergarten umgezogen in ein Haus mit drei großen Zimmern, sowie einem kindergerechten Bad und es gibt nun schon drei Gruppen mit jeweils einem Kindergärtner vormittags und einem nachmittags. Auch meine Arbeit wuchs ständig, während ich am Anfang kaum das machen konnte was man mir versuchte zu sagen und fast nur mit den Kindern spielte, habe ich mittlerweile meine eigeneGruppe von ca. 12 Kindern auf die aufpasse, mit denen ich esse, mit denen ich lerne, spiele, Mittagsschlaf mache, mich mit ihnen beschäftige, deren Kleider ich wasche, die ich zur Ordnung und zur Ruhe ermahne, die ich lobe, bestrafe, erziehe usw.. Mit diesen Verantwortungen wuchs auch mein Blickfeld, während ich am Anfang nicht viel mitbekam von dem was die anderen Kindergärtnerinnen machten und ich mich nur auf meine eigenen paar Aufgaben konzentrierte, erweiterte sich schon bald mein Blickfeld auf Angelegenheiten die den Kindergarten als ganzes betrafen. Auch die Akzeptanz als vollwertiger Mitarbeiter wuchs im Laufe des Jahres immer mehr, ich bin nicht mehr der Freiwillige dem man alles erklären muss, sondern schon lange ein Mitarbeiter mit eigenem Aufgabenfeld, den man bei allem mit einbezieht, gleichbehandelt und selbst bei Entscheidungen mit zu Rate zieht.

Die Sprachkenntnis war bei dieser Entwicklung ein wichtiger Punkt, nie hätte ich ohne sie mein Blickfeld erweitern können. Jedoch brachte sie auch einen negativen Aspekt.

Als ich am Anfang hier in die Stelle kam war mein erster Eindruck vom Leben und Zusammenleben im Kloster sehr idealisiert, mit wachsendem Sprachverständnis musste ich erkennen, dass es ein ganz normaler Arbeitsplatz ist, es gibt genauso eine Gerüchteküche wie überall, einige Entscheidungen des Chefs werden fast schon fluchend ausführt, es gibt Mitarbeiter, die ihre Arbeit nicht gerade lieben, so wie ich am Anfang den Eindruck hatte usw..

Eingelebt hab ich mich sehr schnell, war die Küche am Anfang noch etwas neu und werkwürdig so erklärte ich schon bald einige Speisen zu meinem Lieblingsessen. Auch kann ich nicht wirklich von einem Kulturschock sprechen, zwar muss ich noch heute schmunzeln wenn mir eine Frau mit einer Ganz auf dem Arm entgegen kommt, oder eine angespannte Stute ihr Pfohlen auf der Straße tränkt, aber das tun die Rumänen auch.

Auch meinen bisherigen Lebensstil musste ich kaum verändern, wir haben warmes fließendes Wasser, Zentralheizung, in meinem Zimmer steht ein Fernseher, das ich mir mein Zimmer mit jemandem teilen muss bin ich schon aus meiner Schulzeit im Internat gewöhnt, Essen musste ich mir nie selber kochen und auch wenn es vielleicht nicht so wie zu Hause war, so hab ich es dennoch gern gegessen.

Mit den Mitarbeitern hier hatte ich von Anfang an ein sehr warmherziges, freundliches Verhältnis, natürlich hat es ab und zu auch mal gegrieselt, aber das ist für ein Jahr auf so engen Raum und mit ner Menge Arbeit selbstverständlich.

So gut das Verhältnis zwischen den Mitarbeitern auch war, Kontakt mit arbeitsexternen Menschen hatte ich kaum. Die Sprache war in diesem Fall dann doch eine Blokade, da ich meine Sprache nicht anwenden konnte und ich die Sprache die man außerhalb der Klostermauern spricht nicht gelernt habe.

Vielleicht lag es aber auch nur daran, das meine Arbeitszeit sich über den ganzen Tag mit kleinen Pausen verteilte und ich gerade mal zum Einkaufen oder e-mails schreiben aus dem Kloster rausgekommen bin. Wie dem auch sein, allein hab ich mich nie gefühlt, es war eher das Gefühl des abgegrenzt sein. Da das Klostergelände so eine Sprach- und Kulturinsel ist fiehl es mir anfänglich auch sehr, sehr schwer mich überhaupt mit meinem Einsatzland zu identifizieren. Oft hab ich mir am Anfang gewünscht meine Stelle wäre in Ungarn, da ich eher dort so etwas wie Geborgenheit verspürte und noch immer verspüre.

Letztendlich hab ich es aufgegeben mich mit dem Land Rumänien anzufreunden sondern hab eine für mich ideale Lösung gefunden: Mein Einsatzland ist weder Ungarn, noch Rumänien, sondern Siebenbürgen. Ein Land, in dem es normal ist, dass Ungarn neben Deutschen und neben Rumänen leben und in dem man diese Multikultur noch heute – manchmal – spüren kann.

Alles in allem war dieses Jahr eine tolle Erfahrung, ich habe viel gelernt, was Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Verantwortung angeht, sowie sprachlich, aber auch pädapgogisch, beim alltäglichen Umgang mit den Kindern. Es hat sich sehr gelohnt und ich würde es jeder Zeit noch einmal machen. Was ich auf jeden Fall tun werde, ist ab und zu mal hier vorbei zu schauen und ein wenig zu helfen, denn ich weiß hier freut man sich über meine Hilfe und wird mich deshalb auch immer mit offenen Armen empfangen.