Sabine Fehrenschild

Dieses Jahr war fuer mich eine tiefe, ergreifende Erfahrung, die mich weiter in meinem Leben begleiten wird.
Abschlussbericht von Sabine Fehrenschild / August 2003

Mein FSJ habe ich in Rumaenien in einem staatlichen Kinderhim in einer Stadt mit 8000 Einwohnern, Rupea, absolviert. Im Heim leben zur Zeit 68 Kiner zwischen drei und 20 Jahren. Sie wohnen in Drei- bis Sechsbettzimmern, jeweils mit eigenem Bad und verhaeltnismaesig guter Ausstattung, auch wenn die Betten der juengeren manchmal doppelt belegt sind.

Die Kinder kommen groesstenteils aus sozialschwachen Familien, in denen Armut, Gewalt oder Alkoholismus herrschen oder die Kinder zu verwahrlosen drohten.Die Kinde r werden im Heim bis Ende ihrer Schulzeit aufgenommen, danach fehlt ihnen allerdings meist eine gute Alternative, sodass sie entweder heiraten oder aber groesstenteils in ihre Familien zurueckkehren muessen.

Mein Taetigkeitsfeld erstreckt sich von Bastel-, Mal-, Spiel- und Sportangeboten bis Ausfluege und Spaziergaenge in die naehere Umgebung.Je nach Jahreszeit auch Schlittenfahren im Winter und Sport und Spiel im Sommer.Die Wahl meiner Beschaeftigung wurde mir freigestellt, ich wurde nur wenig gelenkt, bzw. eingeschraenkt.Ich als Freiwillige wurde nicht in das Schichtsystem der Erzieher einbezogen, sondern konnte meine Arbeitszeit selbst festlegen.Somit war meine Taetigkeit ausschliesslich zusaetzlichen Charakters.

Das Material, mit dem ich gearbeitet habe, bestand fast nur aus Spenden von Angehoerigen und Freunden und des Vereins, von dem wir betreut wurden.Das Heim selbst verfuegt nur ueber wenige Materialien, so dass es auch nur spaerliche, unregelmaessige Freizeitangebote von Seiten der Erzieher gibt.

Rupea selbst ist eher ein kleiner Ort. Im Laufe des Jahres wurde das einzige Kino geschlossen, es gibt ein Internetcafe und ein paar vereinzelte Bars.Fuer die Jugendlichen gibt es nur wenig Freizeitmoeglichkeiten, zumal sie auch nur ein ganz kleines Taschengeld bekommen. Einen funktionsfaehigen Kinderspielplatz habe ich auch nicht gefunden, der Spielplatz im Hof des Heimes erinnert eher ein bisschen an einen Schrottplatz, da dort auch ein grosser Muellcontainer steht! und der Platz gleichzeitig als Ablageplatz fuer Baumaterialien genutzt wird.

Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit, da es nur wenige Arbeitsplaetze gibt und im Umkreis viele Doerfer sind. Ein hoher Anteil der Bevoelkerung beschaeftigt sich als Kleinbauer in der Landwirtschaft, bzw. im Sommer als Tageleohner auf den Feldern.Die naechsten Staedte sind jeweils mindestens 50 Kilometer entfernt. Es besteht nur ein schlechtes soziales Netzwerk, das kranke, alte und sozialschwache Menschen nur schlecht unterstuetzen kann.So werden im Winter auch nicht die Gehwege gestreut, das Krankenhaus in Rupea wurde beinahe geschlossen, die Heimkinder nur bis zu ihrem 18. Lebensjahr krankenversichert, um nur einige Beispiele zu nennen.

Meines Erachtens ist die Anzahl der angestellten Erzieher zufriedenstellend, allerdings mangelt es aber an einer guten erzieherischen Ausbildung.Wenn ueberhaupt, wird meist neben der Arbeit eine zweijaehrige Wochenendausbildung absolviert.Die Gehaelter der Erzieher sind so klein, dass sogar ich als Freiwillige mehr verdiene.Dies hat zur Folge, dass sich alle neben der Arbeit noch mit Landwirtschaft veschaeftigen, um sich wenigstens teilweise selbst versorgen zu koennen.Dieses Jahr, das ich im Kinderheim gearbeitet habe, hat mir die Moeglichkeit zu vielen schoenen, aber auch erschreckenden Erfahrungen gegeben, ueber die ich sehr froh bin.

Ich habe meine Grenzen testen koennen u! nd damit etwas erreicht, was ich mir vor diesem Jahr gewuenscht habe. Nur dass ich es mir aber nicht so schmerzhaft vorgestellt habe, an einen Punkt zu kommen, wo man sich eingestehen muss, dass man nicht weiter kann.In diesem Jahr habe ich sehr viel ueber den Umgang mit Kindern gelernt.Am Anfang musste ich sehr viel Geduld mit mir, den Kindern und den Erziehern aufbringen, und schnell feststellen muessen, dass Offenheit, Motivation und Idealismaus allein nicht ausreichen, um etwas veraendern zu koennen. Es ist mir schwer gefallen, das zu akzeptieren.

Es ist mir oft schwer gefallen, jeden Tag mit den alltaeglichen Problemen und der Langeweile im Heim konfrontiert zu werden, und trotzdem weiterzumachen, nicht zu resignieren, mich selbst zu motivieren.Eine Zeit lang ist es mir schwer gefallen, Abstand zu halten zu meiner Arbeit, an anderes zu d! enken, mich nicht voellig von der Arbeit einnehmen zu lassen. Und auf der anderern Seite das Gefuehl, abzustumpfen.Auch wenn der Umgang mit den Erziehern mit der Zeit immer besser und waermer wurde, habe ich die meiste Zeit alleine gearbeitet.

In der ersten Haelfte des Jahres mit einer deutschen Praktikantin zusammen, danach alleine.Anfangs war das Aufsichalleingestelltsein, von Kindern umringt und ohne ausreichende Sprachkenntinsse oft ueberfordernd.An dieser Stelle ist zu sagen, dass die Vorbereitung zwar insgesamt zufriedenstellend war, aber mich nicht auf meine eigentliche Arbeit im Heim vorbereitet hat.Desweiteren habe ich versucht, mich aus vereinsbetreffenden Streitereien herauszuhalten, da sie in zu grossem Masse hier vor Ort in Rumaenien ! nicht nur total realitaetsfremd sind, sondern auch von der Arbeit ablenken und sie behindern, mich genauso wie die Vereine.

Das richtige Gruppenarbeiten war erst nach einiger Zeit moeglich.In der zweiten Haelfte des Jahres habe ich den Ideenaustausch, das Besprechen von Problemen und das gemeinsame Organisieren sehr vermisst, auch wenn sich in dieser Zeit der Kontakt zu den Erziehern intensiviert hat.

Weihnachten und Silvester habe ich gemeinsam mit meinem Besuch aus Deutschland im Heim verbracht, unvergessliche Feiertage.Ich habe versucht, den Kindern zuzuhoeren, auch wenn meine Geduld nicht immer gereicht hat. Ich habe versucht ihnen das Recht eines Kindes auf Liebe, Freiheit und Unversehrtheit, wie ich meine, einzuraeumen, auch wenn ich durch die grosse Anzahl und die Umstaen! de im Heim in vielen Dingen gezwungen war, Kompromisse einzugehen.

Nach dem langen und kalten Winter war der Fruehlingsanfang sehr befreiend.Mit ihm hat die weitaus schoenere und einfachere Haelfte meines Jahres begonnen.Die Bewegungsfreiheit, die wir nun wieder durch Ausfluege hatten, hat die Arbeit erleichtert und die Stimmung im Heim wieder gehoben.In dieser Zeit bin ich auch aus dem Heim ins naechste Dorf gezogen, ebenfalls eine erhebliche Erleichterung, Moeglichkeit zum Abschalten und Entspannen haben.

Die zweite Haelfte meines FJSs war nicht nur die fuer mich schoenere, sondern auch die zweckmaessigere, was die Arbeit angeht. Ich war eingearbeitet, kannte die Kinder und die Arbeitsumstaende, konnte mi! ch verstaendigen und war ebenso mit den Regeln des Heimlebens vertraut wie die Erzieher mit mir. Ideen waren jetzt einfach viel leichter in die Tat umzusetzten als am Anfang.Fehlende Materialen oder Platzmangel haben oft meine Kreativitaet und zum Improvisieren angeregt.

Dank der Offenheit, der Herzlichkeit und der Gastfreundlichkeit der Rumaenen habe ich mich hier nie als Auslaenderin im negativen Sinne gefuehlt. Sehr interessant zu beobachten war der Umgang der Bevoelkerung mit den vielen ethnischen Gruppen, die hier wohnen, Rumaenen, Ungarn, Deutsche und Zigeuner, etc.Auch wenn der Umgang mit den Zigeunern oft problematisch ist, erschien mir das Zusammenleben stets verhaeltnismaessig friedlich.

Im Heim herrschen noch sehr veraltete paedagogische Einstellungen und damit auch gewisse Massnahmen, Bestrafunge! n etc, die mich gerade am Anfang sehr erschreckt haben. Es hat gedauert, damit zurecht zu kommen, aber gerdae auch das Lernen der Sprache, kommunizieren zu koennen, war hilfreich, versaendnis aufzubringen, zu verstehen…

Das Dorfleben mit seiner Einfachheit und Klarheit hat mich von Anfang an fasziniert.Ich habe erlebt, das Rumaenen sehr familienbezogen und gesellschaftlich sind, meist starken Nachbarskontakt pflegen.Aber umso laenger ich hier gelebt habe, meine Sprachkenntnisse verbessert habe und Bekanntschaften geschlossen habe, mehr vom eigentlichen Dorfleben mitbekommen habe, sind mir die negativen Seiten des Lebens hier aufgefallen..

Die Verbreitung und gesellschaftliche Anerkennung des Alkoholkonsums schockiert, ebenso wie fehlende Zukunftsperspektiven von Jugendlichen, d! ie Verbreitung von Langeweile, oftmahls nur kurze Schulausbildung. Hie rbei ist mir ganz stark der Unterschied zwischen Stadt- und Landleben aufgefallen.Bis zum Ende bin ich mit meiner Privilegiertheit als Deutscher nur schwer zu recht gekommen.Einerseits konnte ich die „Ungerechtigkeit“ des Lebens, wie sie sich hier immer aufs neue offenbarte,nur schwer akzeptieren.Auf der anderen Seite hat es immer sehr viel Vorsicht gebraucht, nicht arrogant oder geizig zu erscheinen, aber den Rumaenen mit gutgemeinten Geschenken nicht vor den Kopf zu stossen, damit zu recht zu kommen, auch beneidet zu werden.

Ich halte dieses Jahr, das ich hier verbracht, gelebt und gearbeitet habe, auch am Ende noch fuer sinnvoll.Aber oftmahls hatte! ich das Gefuehl, einfach nur die momentane Lebenssituation der Kinder durch meine Anwesenheit und meine Arbeit verbessern koennen.Umso mehr habe ich mich gefreut, dass eine der Erzieherinnen mich herzlich verabschiedete und mir sagte, sie habe von mir gelernt.

Dieses Jahr war fuer mich eine tiefe, ergreifende Erfahrung, die mich weiter in meinem Leben begleiten wird.Ich habe meine Sichtweise vieler Dinge geaendert, angefangen ueber „meinen Tellerrand zu schauen“ und meinen Blick nach Osteuropa geoeffnet.Ich bin immer noch, tagein, tagaus, fasziniert, andere Kulturen, ihre Unterschiede, wie sie aus Lebensumstaenden und -gewohnheiten entstehen, ziu beobachten.

Ich bin dankbar dafuer, diese Moeglichkeit, ein FSJ in Rumae! nien zu machen, bekommen zu haben.

Sabine Fehrenschild, Kinderheim in Rupea, Rumaenien, 2002/2003