Presseberichte

Wenn dem Gesetz genüge getan wird
von Benjamin Józsa

Nur etwas für Kamikaze-Rollstuhlfahrer: Behindertenauffahrt vor der Banca Tiriac. Fotos: der Verfasser

Rollstuhlfahrer sind in Rumänien eine zweifach unglückliche Menschenkategorie. Sie sind außer ihrer Behinderung auch noch den Tücken des Alltags ausgesetzt, wobei „Tücken des Alltags“ noch eine eher verharmlosende Beschreibung einer Welt ist, in der schon eine Treppenstufe ein unüberwindliches Hindernis darstellt.
Zwar hat sich Rumänien gesetzlich verpflichtet, dieser Menschenkategorie Rechnung zu tragen, doch lässt die konkrete Umsetzung des Dringlichkeitserlasses 102/1999 sowie des Gesetzes 519/2002 noch vieles zu wünschen übrig. Wörtlich heißt es in letzterem Gesetzestext (Art. 11): „Öffentliche und kulturelle Institutionen, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Wohnungsbau aus öffentlicher Hand, öffentliche Verkehrsmittel, Telefonzellen sowie Zugangswege sollen so angelegt werden, dass sie behinderten Personen einen unbeschränkten Zugang gewährleisten.“ Soweit die schöne Theorie.
Die Praxis sieht anders aus. Wer sich schon mit beiden gesunden Beinen gequält hat, auf einen Personenzug aufzusteigen, weiß, was ich meine. Doch selbst der tägliche Einkauf, an den wir gar nicht mehr bewusst denken, hat es in sich. Infolge obengenannten Gesetzes sollten die Einkaufsläden und Institutionen behindertengerecht eingerichtet werden. Europaweit sind die Rampen normiert (beispielsweise nach DIN 18024), ihr Gefälle darf 6 % nicht übersteigen. Auch in Rumänien? Weit gefehlt. Wenn das Gesetz Rampen vorsieht, werden eben Rampen angebracht. Dass sie funktional sein müssen, das steht nicht im Gesetz.
Hermannstadt/Sibiu ist da keine Ausnahme. Wenn man einen Rundgang durch die Stadt macht und zufällig an der Piraeus-Bank, Ecke Großer Ring/Reispergasse, vorbeigeht, hat man den Eindruck, alles sei so, wie es sein muss. Eine breite Behindertenauffahrt mit einem kleinen Gefälle, Antirutschnoppen, die Bank ist für behinderte Kunden gerüstet. Doch stellt man alsbald fest, sie ist nur eine der ganz wenigen löblichen Ausnahmen.
Viele Läden (in der Unterstadt die meisten, so sie nicht zufällig ebenerdige Eingangstüren haben), aber auch Banken (z.B. die neuerbaute Alpha-Bank in der Schwimmschulgasse/ Somesului-Straße) ignorieren das Gesetz ganz einfach. Dass zwei, drei Stufen für Rollstuhlfahrer ein nicht zu überbrückendes Hindernis sind, kratzt die Besitzer wenig. Soll doch der „Behinderte“ woanders hingehen.
Die meisten haben dem Gesetz Genüge getan, sich auf den kleinstmöglichen Aufwand geeinigt und einfach eine Holzrampe über die Treppen gelegt. Was nach einigen Wochen für einen schönen Kontrast verwittertes Holz/Marmortreppe sorgt, aber noch lange keine behindertengerechte Lösung ist.
Geradezu zynisch mutet die Auffahrt zur BRD-Bank neben dem Bahnhof und diejenige zur Banca Tiriac in der Schwimmschulgasse an, die beide ein Gefälle haben, dass der Anblick allein schon für Nervenkitzel sorgt. Geschweige denn, dass ein Rollstuhlfahrer aus eigener Kraft hinaufkommt (und hinunter auch nur mit Selbstmordabsichten).
Ähnlich ist die Situation auch bei den Läden der Wohnblocks in der Sporergasse/General-Magheru-Straße. Die Holzrampe vor dem Apollo-Laden ist nicht befestigt und endet halb an einer Säule. Zwei Geschäfte weiter (LIV-Service) fehlt der Rampe ein Brett und sie endet komplett an einer Säule. Gedankenlosigkeit? Desinteresse? Böswilligkeit? Man kann hier nur spekulieren.
Die Post, eine Ecke weiter, hat es schön gemacht. Das Gefälle ist nicht halsbrecherisch, es ist sogar ein Geländer da. Leider hat die Auffahrt einen neunziggrädigen Knick, wo gerade eben ein Mensch herumkommt, aber nie und nimmer ein Rollstuhlfahrer wenden kann.
Wohin man auch sieht, ob Ober- oder Unterstadt, ob Altstadt oder Neubauviertel, überall wird dem Gesetz eben nur so
Genüge getan. Von „unbeschränkten Zugang gewährleisten“ keine Spur. Der umstrittene rumänische Aphoristiker Petre Tutea hat einmal gesagt, er würde gerne eine Doktorarbeit mit dem Titel „Aflarea în treaba la români“ (etwa „Das So-tun-als-ob-man-arbeiten-würde bei den Rumänen“). Hier hätte er sein erstes Kapitel gehabt.