Fahrt nach Rumänien in den Osterferien 2015 ein Bericht von Dorothea Georgi

Die Vorbereitungswoche vor der Fahrt war sehr aufregend. Die am Dienstag festgestellte Scharlacherkrankung der Erzieherin, die mit mir zusammen fahren wollte, stellte uns vor einige Probleme. Wer sollte so kurzfristig als Begleitung gefunden werden? Viele Bemühungen schlugen fehl und es sah so aus, dass die Fahrt abgesagt werden müsse. Glücklicherweise fand sich eine Kollegin, die einerseits mutig war und andererseits ihre familiären Belange regeln konnte. Am Karfreitag-Abend konnte dann nach vielen Überlegungen und Unsicherheiten endgültig entschieden werden, dass die Fahrt mit Frau Schwabe und Frau Georgi stattfinden konnte.

Ostersonntag

Wir trafen uns am Ostersonntag 18.00 Uhr mit allen Mitfahrenden vor der Schule. Der Bus war bis auf den letzten Platz besetzt: 2 Erzieherinnen aus dem Hort, 2 Jungen und 3 Mädchen aus der 4. Klasse und ein Sechstklässler, der im Rahmen des Konfi-Projektes der Friedens-Kirchgemeinde gern mit uns fahren wollte. Ein kurzer Zwischenstopp in Dresden war nötig, um uns mit der 2. Gruppe zu treffen, mit der wir unterwegs sein wollten. Diese bestand aus einem Sozialpädagogen und einer Erzieherin und 6 Kindern im Alter von 8 -16 Jahren aus einer Heimgruppe des Jugendhilfezentrums der Caritas in Dresden-Striesen. Gemeinsam starteten wir dann 19.00 Uhr in Dresden auf unsere lange Reise.

Montag

Nach unspektakulärem Passieren aller 4 Grenzen und einer Fahrt mit sehr geduldigen, teils schlafenden Kindern erreichten wir am Montagnachmittag 15.30 Uhr das Dorf Dacia. Auf den letzten 30 Kilometern hatten alle bereits Gelegenheit, die „hervorragenden“ Nebenstraßen Rumäniens zu erleben. Reichlich durchgeschüttelt freuten sich alle sehr über das Schild am Hoftor des Begegnungszentrums: Bine ati venit – Herzlich willkommen.

Die Schlafräume und das sehr kalte Haus waren schnell in Besitz genommen, so dass wir bei kaltem und nassem Wetter am Nachmittag bereits eine Runde durch das Dorf gehen konnten. Danach wussten alle, an welcher Stelle der Brunnen steht, zu dem im Lauf der Woche immer wieder zum Wasserholen gelaufen werden musste. Ohne dies hätte es kein Wasser zum Kochen und Trinken gegeben.

Dienstag

Am Dienstagvormittag trafen die Kinder mit ihren Erzieherinnen erste Vorbereitungen für die geplante gemeinsame Aktion mit den rumänischen Kindern aus dem Schulprojekt. Wir hatten große Blechtafeln (2 x 3 m ) mitgebracht, die wir gemeinsam bemalen wollten. Auf Papierbögen im gleichen Format gestalteten die Kinder erste Entwürfe und probierten das großflächige Malen.

Am Nachmittag kamen die rumänischen Kinder zusammen mit ihrer Lehrerin Domea Mircea ins Begegnungszentrum. In gut gemischten Gruppen wurden die Ideen mit allem gemeinsam umgesetzt. Mit Händen und Füßen, Herz und Verstand fanden die Kinder beeindruckende Möglichkeiten zusammen die Tafeln mit unterschiedlichen Motiven zu bemalen. Selbstverständlich durfte auch jedes Kind seinen Namen auf die Tafel schreiben, an der es mitgemalt hatte. Die Kinder der evangelischen Grundschule sangen mit allen das Lied: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur gemeinsam das Leben besteh’n. Gottes Segen soll sie begleiten, wenn sie ihre Wege geh’n.

Am Abend gab es im Garten des Begegnungszentrums ein erstes Lagerfeuer, für das das Holz von den Kindern gesammelt werden musste.

Die Nächte waren kalt und die Kinder erlebten, dass die Öfen geheizt werden mussten, wollte man es warm haben. Für ständigen Nachschub an Holz sorgten sie bald mit und genossen es, am Ofen zu sitzen.

Mittwoch

Am Mittwochvormittag fuhren wir ins 10 km entfernte Dorf Viscri, wo es eine zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Kirchenburg anzuschauen gibt. Nach einer kleinen geschichtlichen Einführung über die Siebenbürger Sachsen und die Besonderheit der Kirchenburgen erkundeten die Kinder eifrig den Gebäude-Komplex und entdeckten viele spannende Dinge.

Am Nachmittag gingen alle in das Schulgebäude und besuchten die Kinder in ihrem Schulprojekt. Die Kinder aus der Grundschule übergaben die Ostergeschenke, die wir in der Schule in Radebeul speziell für jedes Kind von den Eltern geschenkt bekommen hatten. Auch die rumänischen Kinder hatten kleine Geschenke vorbereitet. Ihre Augen leuchteten, als ihnen noch einige Fußbälle überreicht wurden.

Die erste gemeinsame Aktion war anschließend, die von Deutschland mitgebrachten Beerensträucher im Schulgarten des Schulprojektes einzupflanzen. Die Lehrerin bemüht sich, im Schulgarten jedes Jahr zusammen mit den Kindern Gemüse anzubauen, das dann in der Zeit des Unterrichts gegessen werden kann. Die Sträucher werden mit ihren Früchten hoffentlich bald für Abwechslung im Angebot sorgen. Der Verein sammelt auch ständig Spenden, die es möglich machen sollen, dass die Kinder in der Schule auch eine Mahlzeit bekommen können. Das ist für manches Kind die einzige Mahlzeit am Tag.

Anschließend gingen alle gemeinsam ins Begegnungszentrum. Dort wurden die großen Tafeln aufgenommen und in einer kleinen Prozession mit allen Kindern auf der Dorfstraße zum Spielplatz getragen. Am Zaun des Spielplatzes haben sie einen sehr schönen Platz bekommen und sind ein bunter Blickfang im Dorf. Das Herzlich-Willkommen in rumänischer und deutscher Sprache ist nun weithin sichtbar.

Auf dem Spielplatz fanden sich anschließend die Jungs schnell zum Fußballspielen zusammen und brauchten dafür kaum Worte. Die Mädchen versuchten es miteinander auf dem Klettergerüst und beim Hasche-Spielen und hatten auch bald ihren Spaß miteinander. Als die rumänischen Kinder ihr Lieblingsspiel begannen, nahmen sie ganz unkompliziert schon die deutschen Kinder mit in ihre Gruppen und gemeinsam gab es viel Spaß. Die Erwachsenen gingen bereits zurück ins Begegnungszentrum, während die Kinder ohne Probleme auch gern allein zurückblieben, um ihre Spiele zu beenden.

Donnerstag

Am Donnerstag war ein Ausflug in die 70 km entfernte Stadt Brasov geplant. Beim Fahren über Land konnten die Kinder Eindrücke von der Landschaft, von den siebenbürgischen Dörfern und Städten und von einer Roma-Siedlung am Rande einer Ortschaft sammeln. Das Entsetzen war groß beim Anblick der Behausungen der Roma-Familien.

In Brasov gab es einen Stadtbummel. Der Markt, auf dem auch typische rumänische Dinge verkauft wurden, erregte allgemeines Interesse. Eine Besichtigung der berühmten Schwarzen Kirche durfte nicht fehlen. Leider fuhr die Bahn nicht, die uns auf einen Berg über der Stadt gebracht und allen einen wunderschönen Blick auf die Stadt ermöglicht hätte.

Am Nachmittag fuhren alle von Brasov aus auf das berühmte Schloss Bran, besser bekannt als Dracula-Schloss. Das Schloss bot einen interessanten Rundgang und wirkte mit seinen Gängen und Nischen eher romantisch. Das Gruselkabinett gab es am Fuße des Schlosses. Die Hälfte der Kinder hatte Lust auf Gruseln und Schaudern. Die anderen konnten am Bildschirm beobachten, wie sich gegruselt wurde. So hatte jeder seinen Spaß.

Am Abend gab es noch einmal ein Lagerfeuer und im großen Pfarrgarten wurde mit Begeisterung im Dunkeln Verstecken gespielt.

Freitag

Am Freitag ging es auf den, im 8 km entfernten Rupea stattfindenden, Wochenmarkt. Hier gibt es neben Obst und Gemüse, Werkzeug und Bekleidung, Bäumen und Sträuchern auch Sofas und Türen zu kaufen. Im bunten Gewimmel staunten die Kinder über das Angebot und das Nebenher von Autos und Pferdekutschen.

Eindrücklich war auch der Viehmarkt. Neben vielen Küken, von denen einige Kinder am liebsten eins gekauft und mit nach Hause genommen hätten, lagen in den Kofferräumen der Autos auch kleine Ferkel und sollten die Besitzer wechseln. Die Tierliebhaber unter den Kindern waren entsetzt, als zwei Ferkel von ihrem neuen Besitzer in einen großen Plastesack gesteckt wurden. Diesen warf sich der Mann über die Schulter und lief davon.

Am Mittag waren wir wieder zurück. Da das Begegnungszentrum zur weltweiten Nagelkreuzvereinigung von Conventry gehört, findet freitags 12.00 Uhr ein Friedensgebet statt. In einem offenen Glockenstuhl, der im Garten steht, gibt es eine Glocke, die die Kinder läuten durften. Dann erzählte Frank Roth, der Leiter des Projektes, den Kindern über die geschichtlichen Hintergründe der Vereinigung. Gemeinsam wurde gesungen und gebetet.

Da der einzige noch in Dacia lebende Siebenbürger Sachse anwesend war, konnte für den Nachmittag ein Besuch bei ihm ausgemacht werden. Herr Konnerth, fast 89 Jahre alt, ist der Kurator der evangelischen Gemeinde vor Ort. Er hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Kirche restauriert werden konnte und mit seiner Zustimmung war es auch möglich, dass das leerstehende Pfarrhaus zum Begegnungszentrum wurde.

Also besuchten am Nachmittag alle Herrn Konnerth auf seinem Grundstück. Dort waren vor allem die Bienenvölker, die der alte Herr besitzt, von Interesse. Die Kinder erfuhren vom Leben der Bienen und der traurigen Tatsache, dass die Bienenvölker wahrscheinlich aussterben werden, weil die Brut von einer Milbe vernichtet wird. So werden wir in Zukunft auch in der Schule in Radebeul leider nicht mehr den leckeren Honig aus Rumänien verkaufen können. Der Vorteil unseres Besuches war, dass die Kinder mit Herrn Konnerth deutsch sprechen konnten und sie dadurch ihre Fragen beantwortet bekamen, ohne dass wir jemanden zum Übersetzen gebraucht hätten.

Herrn Konnerth gab uns auch den Kirchenschlüssel. So konnten wir uns am späten Nachmittag die Kirche und die Kirchenburganlage anschauen. Schwer zu verstehen war es für die Kinder, dass die Kirche zwar in Ordnung ist, in ihr aber fast keine Gottesdienste mehr stattfinden.

Am Abend gab es das letzte Lagerfeuer, wo alle in einer gemeinsamen Abschlussrunde von ihren Eindrücken erzählen konnten. Es gab nur wenige Dinge, die negativ empfunden worden waren. Das war z.B. die anfängliche Kälte in den Räumen und dass das Wasser aus dem Brunnen auf dem Grundstück nicht richtig sauber war. Ansonsten waren alle sehr zufrieden und konnten ein positives Fazit dieser Woche ziehen.

Samstag

Der Samstagvormittag verging mit dem Einpacken aller Habseligkeiten und der ordentlichen Übergabe des Hauses. Das gemeinsame Mittagessen beendete unsere Zeit in Dacia. Zuvor hatte uns die rumänische Lehrerin anlässlich des bevorstehenden rumänisch-orthodoxen Osterfestes bunte, gekochte Eier und selbstgebackenes Schmalzgebäck gebracht und sich damit auf liebevolle Weise von uns verabschiedet.

Um 13.15 Uhr fuhren wir in Dacia los, nachdem es einen bewegenden Abschied von der Roma-Frau und ihrer Familie gegeben hatte. Elvira betreut die Gäste im Begegnungszentrum und hatte in dieser Woche für uns gekocht, geheizt und alle anfallenden Arbeiten erledigt. Durch ihre Anstellung beim Verein „Copiii Europei“ ist sie in der Lage, den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen.

Auch die Rückfahrt verlief ohne Probleme. Wir fuhren, wie auf der Hinfahrt, ohne große Pausen bis nach Deutschland und waren am Sonntagmorgen gegen 6.00 Uhr wieder vor der Schule in Radebeul. Wir konnten den schnell herbeigekommenen Eltern fröhliche und entspannte Kinder übergeben, die voller positiver Eindrücke sicher viel zu erzählen hatten. Auch für uns Erwachsene war es eine wunderbare Woche, in der wir erleben durften, wie unkompliziert, neugierig und wissbegierig Kinder sind. Offenbar spielen Grenzen und die Zugehörigkeit zu einem anderen Volk keine Rolle und es ist möglich, sich als Kinder derselben Erde wahrzunehmen und miteinander gute Zeiten zu erleben.

Natürlich sind wir auch dankbar, dass wir während unserer Reise behütet und bewahrt waren, dass alle gesund geblieben sind und sich wohl gefühlt haben und dass wir mit einem von einer Dresdner Auto-Werkstatt gesponserten Bus fast 3000 km gut gefahren sind. Das Wagnis, mit Grundschülern eine solche Reise zu unternehmen, hat sich gelohnt. Unser Besuch in Dacia hat sicher dazu beigetragen, dass sich die Kinder des Schulprojektes im Dorf und die Kinder aus unserer Schule kennenlernen konnten. Mit ihrer gemeinsamen Malaktion haben sie bleibende Spuren hinterlassen.

Radebeul, am 22. 4. 2015                                           Dorothea Georgi